Seite drucken

Interviews

In diesem Bereich finden Sie spannende Interviews mit Kolleginnen und Kollegen zu unterschiedlichen Themenbereichen.

Sie haben auch etwas zu erzählen und würden gerne im Verbandsorgan und/oder unserer Homepage Gehör finden?
Dann melden Sie sich unter: kommunikation@vdb-physiotherapieverband.de
Ihre Ansprechpartnerin hier ist Daniela Driefert.

Sportphysiotherapie: ein knallharter Job und unvergessliche Momente

Was ist das Besondere an der Sportphysiotherapie? Worauf kommt es an? Cathrin Junker ist Sportphysiotherapeutin für den Deutschen Fußballbund (DFB), den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und betreut seit mehr als einem Jahr die deutsche Nummer 1 auf der WTA-Tennis-Tour (Women´s Tennis Association), Angelique Kerber. Nicht zuletzt arbeitet sie in eigener Praxis in Düsseldorf. Über den Weg in die Sportphysiotherapie und die Faszination am Beruf sprach die „Therapie und Praxis“ mit Cathrin Junker.

Catrin Junker

Cathrin Junker Foto: Daniela Driefert / VDB Bundesverband

 

 

Sie arbeiten im Bereich Sportphysiotherapie auf hohem Niveau, sie behandeln Spitzensportlerinnen wie Angelique Kerber. Wie kommt man da hin?

Cathrin Junker: Ich habe selber 16 Jahre aktiv Leistungssport betrieben und in dieser Zeit erfahren, wie wichtig professionelle sportphysiotherapeutische Betreuung ist. Durch meine eigene sportliche Laufbahn und Leidenschaft lag deswegen schon immer mein Schwerpunkt auf der umfassenden und zielgerichteten Behandlung von Sportlern. Ich habe früh angefangen mich weiterzubilden, nicht nur auf der sportphysiotherapeutischen Ebene, sondern auch als Athletiktrainerin des Deutschen Olympischen Sportbundes. Mir ist wichtig funktionelle Abläufe in den unterschiedlichen Sportarten zu analysieren und zu optimieren. Mein erster Job als Sportphysiotherapeutin war in der Frauenfußball Regionalliga für Ratingen 04/19. Relativ schnell kam dann ein Angebot aus der 1. Frauenfußballbundesliga von der SG Essen. Nach weiteren zwei Saisons nahm ich ein Angebot von dem Top Club FCR Duisburg an, der zu der Zeit auch Champions-League gespielt hat. Dort ist mir schnell klargeworden: Man braucht viel Zeit, muss viel investieren und bekommt lediglich eine Aufwandsentschädigung von dem jeweiligen Verein. Dafür wird man aber durch gemeinsame Erfolge, die Dankbarkeit der Spielerinnen und einmalige Erlebnisse belohnt.

Interessant. Alle denken, wer Sportphysiotherapeut ist, der hat es geschafft…

Junker: Ganz so würde ich das nicht beschreiben. Man bekommt sicherlich Anerkennung, aber je höher man arbeitet, umso mehr wird auch erwartet. Mit diesem Druck muss man erstmal lernen umzugehen. Um dem Anspruch gerecht zu werden, muss man sich stetig fortbilden und weiterentwickeln. Als Sportphysiotherapeut muss man sehr belastbar sein, denn man hat in Wettkampfphasen und auf Turnieren keine geregelten Arbeitszeiten oder eine 5-Tage-Woche. Teilweise stehe ich nachts um drei Uhr noch an der Behandlungsbank. Auch die Reisestrapazen sind nicht zu unterschätzen. Besonders auf der WTA-Tour sind wir ständig in unterschiedlichen Zeitzonen unterwegs. Darauf muss sich der Körper immer wieder neu einstellen. Trotzdem liebe ich meinen Job als Sportphysiotherapeutin und stelle mich immer wieder gerne dieser Herausforderung.

Aber um auf das Thema zurückzukommen: Meine Arbeit als Sportphysiotherapeutin im Vereinsfußball war eine sehr schöne und erfolgreiche Zeit, in der ich viel Erfahrungen sammeln konnte. Aber nach acht Jahren wollte ich unter professionelleren Bedingungen arbeiten und habe deswegen das Angebot vom DFB, die U19/U20 Frauennationalmannschaft als Physiotherapeutin zu übernehmen, dankend angenommen. Dort arbeite ich inzwischen seit mehr als 6 Jahren. Im Jahre 2011 habe ich mich parallel zu meiner Tätigkeit beim DFB, beim DOSB als Sportphysiotherapeutin für die Bobnationalmannschaft beworben und bin tatsächlich genommen worden. Für mich war es eine Herausforderung mal in einer ganz anderen Sportart tätig zu sein und sich dort zu behaupten. Ich durfte sogar die Bobnationalmannschaft zu den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotchi begleiten. Das sind schon unvergessliche Erlebnisse, für die sich der ganze Einsatz auch immer lohnt. Wichtig ist in meinem Job, sich sehr seriös zu verhalten, eine professionelle Einstellung zu haben und qualitativ hochwertige Arbeit abzuliefern. Natürlich habe ich in all den Jahren viele Kontakte geknüpft und mein Netzwerk erweitert. Viele denken, diese Jobangebote bekommt man nur über Vitamin B, doch das allein reicht nicht aus. Wenn man auf Empfehlung kommt, muss man dem Anspruch auch gerecht werden.

Es muss geliefert werden….

Junker: Genau – so ist es auch beim Tennis. Der Kontakt zum Team Kerber ist über einen ehemaligen Dozenten von mir entstanden. Wir kennen uns über eine Fortbildung und er hat gesagt, Angelique Kerber sucht jemanden wie dich. Ich hatte das Glück, genau ins Anforderungsprofil zu passen. Es gibt sehr viele Männer, die als Sportphysiotherapeut auf der WTA-Tour arbeiten, es gibt aber nur ganz wenige Frauen. Für viele Athletinnen hat es natürlich auch Vorteile mit einer Sportphysiotherapeutin zu arbeiten.

Sind sie eine Art Freundin der Sportlerinnen?

Junker: Es sollte schon eine Vertrauensbasis da sein. Besonders bei der 1:1 Betreuung spielt die zwischenmenschliche Komponente eine Rolle. Ohne diese Vertrauensbasis, ist ein Therapieerfolg kaum möglich. Man verbringt viele Stunden am Tag miteinander. Die 1:1 Betreuung geht häufig über die Sportphysiotherapie hinaus.

Catrin Junker

Cathrin Junker behandelt Fußball-Torhüterin Meike Kämper nach einer Kreuzbandverletzung. Junker betreut die U 20 Weltmeisterin und beste Torhüterin des WM Turniers 2014 seit vielen Jahren. Foto: Daniela Driefert / VDB-Bundesverband

Ist der Übergang zum Trainer fließend? Wie grenzen sich die Berufsfelder ab?

Junker: Ich bin schon sehr nah dran. Die direkte Kommunikation zwischen Trainerteam und Physiotherapeut/-in ist unabdingbar. Wenn ein Sportler/-in angeschlagen ist, muss das Training vom Trainer entsprechend angepasst werden.

Was fasziniert sie an diesem Beruf?

Junker: Ich glaube es ist eine große Herausforderung im Leistungssport schnell wieder leistungsfähig zu sein. Die Herausforderung für mich besteht darin, die Leistungsfähigkeit des Sportlers zu erhalten und nach Verletzungen schnellstmöglich wiederherzustellen. Das macht mir Spaß. Ich bin total sportverrückt und empfinde es als absolutes Privileg, Spitzensportler begleiten zu dürfen und ihnen auch helfen zu können. Der Sportler muss funktionieren, er muss liefern. Auch weiß man nie, was am nächsten Tag kommt, das ist anders als in der Praxis, wo die Termine geplant werden. Wichtig ist mir auch die persönliche Komponente, das freundschaftliche Verhältnis. Die Sportler, die wir hier in meiner Praxis behandeln, kenne ich teilweise schon zehn Jahre. Ich habe mittlerweile zu einigen ehemaligen Athleten ein freundschaftliches Verhältnis. Das ist schon schön. Auf jeden Fall muss man als Sportphysiotherapeut mit Leidenschaft dabei sein und bereit sein viel zu investieren.

Was würden Sie jungen Kollegen raten?

Junker: Erfahrungen sammeln, Erfahrungen sammeln, Erfahrungen sammeln. Außerdem muss man sich stetig fortbilden und bereit sein auf einiges zu verzichten.

Das Gespräch führte Daniela Driefert / VDB Bundesverband.

Zur Person:

Cathrin Junker ist Heilpraktikerin für Physiotherapie, Physiotherapeutin und medizinische Masseurin, Manualtherapeutin und Sportphysiotherapeutin des DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund) und DFB (Deutscher Fußballbund). In Düsseldorf arbeitet sie in eigener Praxis mit drei Mitarbeiterinnen.
Referenzen: DFB U19/U20 Frauen, Deutscher Schwimmverband A-Kader, Deutsche Olympia Mannschaft Sotchi 2014, Deutsche Bob-Nationalmannschaft, Deutscher Kanuverband, Frauenfußball Bundesliga, FCR Duisburg, SG Essen-Schönebeck, SG Wattenscheid 09, Borussia Mönchengladbach.

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://lv-nrw.vdb-physiotherapieverband.de/?page_id=5195

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Ihren Besuch stimmen Sie dem zu.